Ökumenische Spitalseelsorgetagung vom 12. Juni 2018 in Bülach

«Menschen am Lebensende. Zwischen Gestaltungswunsch und geschehen lassen» war das Thema, zu dem sich am 12. Juni rund 90 Spitalseelsorgerinnen und -seelsorger zur Ökumenischen Tagung 2018 trafen. Rererentinnen: Irene Bopp-Kistler und Nina Streeck Bericht von Veronika Jehle- Spitalseelsorgerin KSW / Klinik Susenberg / Freie Mitarbeiterin bei kirchennahen Medien

Da war die Assistentin an der Professur für Spiritual Care der Uni Zürich. Da war die Leitende Ärztin der Memory Clinic im Waidspital. Da war ein Vertreter der Pflegedirektion des Spitals Bülach. Da waren die Leitenden der Spitalseelsorge, die Vertreterin im Synodalrat, ein Mitglied im Kirchenrat. Da war der Leiter des Pflegeheimes Enge – und da waren Spitalseelsorgerinnen und Spitalseelsorger. «Es ist eine geballte Ladung an Kompetenz in diesem Raum», sagt denn auch Sabine Zgraggen zur Begrüssung, die als stv. Leiterin der Spitalseelsorge die Moderation inne hatte. Kompetenz und Tod – geht das zusammen?

 

Entlang des Tages hören wir von einander und erzählen uns von unseren Erfahrungen. Wir hören von Narrativen, von verschiedenen Erzählsträngen also, mit denen Menschen heute dem Nachdenken über ihr Ende Worte geben. Dazu gehört dominant das Narrativ der Palliativ Care und das Narrativ der Sterbehilfeorganisationen. Wir erzählen uns gegenseitig von dem Wunsch, einem dritten Narrativ Ausdruck zu geben, dem Narrativ unserer jüdisch-christlichen Tradition. Was dieses Narrativ wohl ausmachen würde? Begriffe fallen wie «sich anvertrauen», «geschehen lassen», «aushalten», «Hoffnung haben». Wir hören Wertschätzung für unsere Arbeit an der Seite der Kranken und sterbenden Menschen. Wir hören, wie wichtig es sei, erfahren zu sein im Umgang mit dem Tod. «Es tut mir gut, hier von Ihnen zu hören, die Sie täglich damit zu tun haben», sagt Nina Streeck, die eben ihre Dissertation in Spiritual Care abschliesst und über Sterbewünsche von schwer kranken Menschen forscht. Wir lassen uns auf Fallbeispiele ein im Umfeld Pflegeheim, Akutspital und Psychiatrie. Konkret, um eines davon zu nennen: Wie begleitet eine Seelsorgerin eine Frau, die chronisch suizidal ist und schliesslich, nach mehreren Suizidversuchen, ihr Leben mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation beendet? Persönlich bin ich einmal mehr erschüttert, über die Verworrenheit manchen Lebens, über die Komplexität der Geschichten, aber auch über die Kraft des Aushaltens und die Schönheit von Beziehung. Kompetenz? Vielleicht mehr ein Wort für Konzepte und Strategien als ein Wort für das, was der Tod eines Menschen fordert? Dann kommt wieder die Erfahrung ins Spiel. Auch die Demenz ist eine Realität am Ende des Lebens, in all ihren Ausprägungen und für immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft. Wir erleben eine Ärztin, die nicht bei ihrer medizinischen Kompetenz stehen bleibt. Mehr noch als alle Fakten, die sie mit uns teilt, wird ein Mensch hörbar, der ein Gegenüber sein will. Gerade in dem Moment, in dem die Diagnose Demenz überbracht werden muss. Gerade in dem Moment, in dem tiefe und verzweifelte Fragen aufbrechen. «Meine Assistenzärzte lernen bei mir, das Schweigen auszuhalten, nachdem die Diagnose ausgesprochen ist», erzählt Irene Bopp-Kistler. Es gehöre zum Schwierigsten und zum Wichtigsten.

 

«Aushalten», «sich anvertrauen», «geschehen lassen» - sind es diese Haltungen, mit denen wir dem, was an einem Lebensende geschieht, am nächsten kommen? Vielleicht liegt die Kompetenz angesichts des Todes darin, sich der je neuen eigenen Inkompetenz zu erinnern. Vielleicht wächst so etwas wie Kompetenz im Zuhören, im Erzählen, im Austauschen. Danke dem Organisationsteam für diese Tagung und dem Spital sowie der Pfarrei Bülach für die Gastfreundschaft.                                                                                   Veronika Jehle

 

Seit 1981 organisiert eine ökumenische Gruppe von Spitalseelsorgenden jährlich eine Tagung zu einem für ihre Arbeit relevanten, fachspezifischen Thema. Die diesjährige Tagung «Menschen am Lebensende. Zwischen Gestaltungswunsch und geschehen lassen» wurde von einem fünfköpfigen Team unter der Leitung von Sabine Zgraggen organisiert. Die Leitung liegt damit momentan und auf drei Jahre in katholischen Händen, nachdem sie die letzten Jahre in reformierter Hand war.

 

 

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