Netzlunch zu Spiritual Care - Es geht vor allem um Präsenz und Wahrnehmung

Über die Frage, wie Spiritual Care in Spitälern zur Anwendung kommen kann, denken die Fachmitarbeiterin Seelsorge Regula Gasser und die Ärztin Priska Bützberger seit bald zwei Jahren intensiv nach. Sie präsentieren nun ein Modell, das in einem Pilotprojekt am Kantonsspital Baden bald zur Anwendung kommen soll. Am vergangenen Netzlunch präsentierte Gasser dieses Modell interessierten Zuhörenden.
Netzlunch zu Spiritual Care - Es geht vor allem um Präsenz und Wahrnehmung

Spiritual Care als whole person or whole system care (Folie Präsentation «Interprofessionelle Zusammenarbeit in Spiritual Care», R. Gasser, 18.9.2014)

Interprofessionelle Zusammenarbeit in Spiritual Care

Am Netzlunch vom 18. September 2014 stand die Frage zur Diskussion, wie Spiritual Care mit verschiedenen Berufsgruppen umgesetzt werden kann. Regula Gasser stellte ein SNF-Projekt vor, mit welchem spirituelle Bedürfnisse von Palliativpatientinnen und –Patienten in den medizinisch-therapeutischen Behandlungsprozess integriert werden sollen. Gasser ist Fachmitarbeiterin Seelsorge in der Evangelisch-Reformierten Landeskirche und Vorstandsmitglied von palliative zh+sh. Gemeinsam mit Dr. med. Priska Bützberger arbeitet sie am Pilotprojekt, das am Kantonsspital Baden läuft und bald mit einer ersten «Intervention» in die Praxis startet.
Die Behandlung mit dem «Konzept Spiritual Care» habe nachweislich einen positiven Einfluss auf die betroffenen Patientinnen und Patienten, berichtete Gasser. Verschiedene Studien zeigen, dass Schmerzempfinden und andere Symptome dank dem Einbezug von Spiritual Care bei Patienten und Patientinnen in Onkologie und Palliative Care reduziert werden. Ebenso Angst und Stress, aber auch Hoffnungslosigkeit und Depression gehen gemäss den von Gasser zitierten Studien zurück.

Regula Gasser und Priska Bützberger adaptierten ein Modell von Christina Puchalski und George Handzo für ihre Zwecke. Am Beispiel einer Patientin zeigte Gasser in ihrer Präsentation auf, wie stark die physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimensionen zusammenhängen. Das adaptierte Modell zeigt, wie bestimmte Aussagen von Patientinnen und Patienten möglicherweise darauf schliessen lassen, dass spirituelle Bedürfnisse vorhanden sind. Diese seien ernst zu nehmen. Als Erstes sollte ein Teammitglied herausfinden, ob auch andere Teammitglieder von der betroffenen Person ähnliche Äusserungen gehört haben. Dann sei situativ auf diese Äusserungen einzugehen – beispielsweise mit Nachfragen, ob zu diesem Thema ein Gespräch gewünscht sei. Ziel ist dabei nicht, die Patientin oder den Patienten an eine Fachperson aus der Seelsorge weiterzuleiten, sondern dass sich das angesprochene Teammitglied soweit wie möglich selber auf ein Gespräch einlassen kann.

Zwei Interventionen geplant

Die beiden Initiantinnen des Projektes plädieren dafür, dass die spirituelle Dimension als Teil des bio-psycho-sozial-Modells in die Anamnese aufgenommen wird. Mit ihrem Projekt möchten sie erreichen, dass Spiritual Care zur interprofessionellen Teamkultur wird. Das Kernelement in der Arbeit mit Betroffenen ist dabei das Mitgefühl. Es gehe nicht um das Vermitteln und Anwenden von Methoden, sondern um eine Haltung, so Gasser. Es sei wichtig, dass Teammitglieder des ganzen interprofessionellen Teams, die mit den Betroffenen arbeiten, sich auf diese einliessen und während dem Kontakt, den sie mit den Personen pflegen, ganz bei ihnen seien.

Am Kantonsspital Baden sind im Rahmen des Pilotprojektes derzeit zwei «Interventionen» geplant. Erstens ein dreistündiges Seminar für alle Personen aus den interprofessionellen Teams der Pilotstationen onkologisches Ambulatorium und der Schwerpunktabteilung Onkologie und Palliative Care. Als zweite Intervention sollen Fallsupervisionen bei Patientinnen und Patienten durchgeführt werden, die «Spiritual Mistress» äussern. Der Einfluss dieser beiden Massnahmen wird mit Befragungen vor und nach den Interventionen gemessen. Bevor die Interventionen nun umgesetzt werden können, müssen Gasser und Bützberger ihr Konzept der Ethikkommission präsentieren.

Die Mitarbeitenden am Kantonsspital Baden seien – nach teilweise anfänglicher Skepsis – dem Projekt sehr wohlgesinnt, berichtete Gasser. «Auch von den ärztlichen Fachkräften erfahren wir inzwischen breite Unterstützung», erzählte sie. Bereits haben auch andere Spitäler ihr Interesse am Projekt angemeldet.

Der Faktor Zeit

Eine angeregte Diskussion im Anschluss an Gassers Präsentation zeigte, dass das Thema «Spiritual Care in Spitälern» durchaus zu bewegen vermag. Der erwartete Einwand, das Personal habe im Alltag kaum Zeit, dieses Modell umzusetzen, liess nur kurz auf sich warten. Wer nicht nur genau hinhören, sondern sich auch noch mit anderen Teammitgliedern absprechen und dann in einem guten Moment ein ausführliches Gespräch mit der betroffenen Person führen müsse, brauche dazu mehr Zeit. Ob denn am Kantonsspital Baden den Mitarbeitenden dafür extra Zeit zur Verfügung gestellt werde?, wollte eine Teilnehmerin wissen. Gasser erklärte, «Extrazeit» sei über die drei Stunden hinaus, die für das Seminar aufgewendet werden müssen, an sich nicht vorgesehen. Sie vertrat die Ansicht, dass diese Grundhaltung, auf spirituelle Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten zu hören, nicht so zeitaufwendig sei, wie man möglicherweise den Eindruck habe. «Man muss nicht unglaublich viel Zeit investieren. Es geht vor allem um Präsenz. Um Wahrnehmung.» Diese will das Projekt schulen. Es sei zudem zu bedenken, dass ein ausführliches Gespräch mit dem Ziel, die betroffene Person in ihrer eigenen Spiritualität zu stärken, auch einen positiven Effekt auf das gesamte Wohlbefinden der Person haben könne. Den Einfluss auf Entscheidungen in Bezug auf Therapien müsse man derweil vorsichtig abwägen – dies könne kein Motiv sein, Spiritual Care anzuwenden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf http://www.pallnetz.ch