Medizin & Seele

Religionen im Überblick

Unsere Gesellschaft ist multikulturell - viele verschiedene Glaubensrichtung sind in der Schweiz vertreten. Hier finden Sie praktisches Wissen zu allen Religionen und Konfessionen, das Sie unterstützt, angemessen zu handeln.

Im Umgang mit religiösen Menschen, die sich einer Konfession zuordnen, ist Fingerspitzengefühl und Grundwissen gefragt. 

Was Sie nicht tun sollten... 

Christentum - Evangelische Kirchen


… fragen, ob der Patient die „letzte Ölung“ bzw. die Krankensalbung wünscht:
In den Evangelischen Kirchen kennt man das Segensgebet der Pfarrperson für die Kranken, teilweise auch eine symbolische Salbung mit ein wenig Öl auf Hand oder Stirn. Die „letzte Ölung“ wird heute in der katholischen Kirche als Krankensalbung bezeichnet, ein Sakrament, das nur ein Priester spenden kann.


… den Papst als Vertreter aller Christen bezeichnen, auch der Evangelischen:
Evangelische Christen fühlen sich nicht verantwortlich für die Aussagen des Papstes bzw. der katholischen Kirche. Sie distanzieren sich häufig vom Vatikan und wollen nicht in einen „Topf“ geworfen werden.


… reformiert und lutherisch gleichsetzen:
Aus der deutschen Reformation im 16. Jahrhundert stammt die evangelisch-lutherische Kirche, die weltweit verbreitet ist und in der Schweiz rechtlich wie eine Freikirche funktioniert. „Evangelisch-reformiert“ bezieht sich auf Kirchen der Schweizer Reformation, ursprünglich vor allem in Zürich und Genf, dann in der ganzen Schweiz und in anderen Ländern.


… Evangelische Freikirchen als Sekten bezeichnen:
Mitglieder der evangelischen Freikirchen wehren sich in der Regel gegen den Sektenvorwurf. Sie verstehen sich als anerkannte (evangelische) Kirchenform, neben den beiden Landeskirchen. Die typischen Sektenmerkmale sind in den Freikirchen (meistens) nicht vorhanden.

Römisch-katholische und christkatholische Kirche

… von der „letzten Ölung“ statt von der „Krankensalbung“ sprechen:
Früher (bis zirka 1965) empfing der Sterbende dieses Sakrament als Wegzehrung für seinen Tod. Seither hat sich das Verständnis verändert, wie alle Sakramente ist nun auch die Krankensalbung ein Sakrament für Lebende: als Stärkung und Zuspruch für den weiteren Weg, entweder der Genesung, oder des Schwächerwerdens und Sterbens.


… römisch-katholisch und christkatholisch gleichsetzen:
ChristkatholikInnen gehören einer eigenen Kirche an, die zum Teil auch eigene Rituale hat.


… eine röm.-kath. Seelsorgerin als „Frau Pfarrer“ ansprechen:
Pfarrer sind in der röm.-katholischen Kirche Priester, die eine Pfarrei leiten. Da Frauen nicht zu Priesterinnen geweiht werden, gibt es keine Pfarrerinnen. Seelsorgerin oder Pastoralassistentin sind die gängien Titel.

Orthodoxe Kirchen 


… einen katholischen Kirchenvertreter vorbeischicken:
Viele Christen einer orthodoxen Kirche wollen ausdrücklich einen Priester ihrer eigenen Kirche. Die katholische Kirche ist eine andere Tradition als die orthodoxe.


… den katholischen Papst für das orthodoxe Kirchenoberhaupt halten:
Die orthodoxen Kirchen haben ihre eigenen Kirchenleitungen (Metropoliten), die zum Teil ähnliche Funktion und Bedeutung haben wie der katholische Papst.


… meinen, dass Serben, Griechen und Russen gleich sind, weil sie orthodox sind:
Die orthodoxen Christen kommen in der Schweiz weitgehend nach ihrer nationalen Herkunft zusammen. Sie haben ihre eigenen Gebäude, die Gottesdienste in ihrer Sprache und mit ihren Eigenarten und Traditionen.

Judentum 

… vegetarisches Essen als „koscher“ bezeichnen:
Koscheres Essen ist nach speziellen Regeln zubereitet (Kein Schweinfleisch, Fleisch und Milch getrennt etc.). Zusätzlich geht es um eine rituelle, religiöse „Reinheit“. Das Essen ist „abgesegnet“ von Rabbinern und hat eine Art Zulassung (z.B. Stempel auf der Verpackung). Juden essen meist (koscheres) Rinds- bzw. Lammfleisch oder Fisch. Bezüglich der Essensregeln sind Juden sehr verschieden.


… einen Juden automatisch für einen Israeli halten:
Juden leben in vielen Ländern der Erde, auch ohne israelische Staatsbürger zu sein. Immer sind sie eine Minderheit, ausser in Israel. Viele haben die Staatsbürgerschaft ihres Wohnlandes. Ein Staatsbürger in Israel muss nicht Jude sein.


… davon ausgehen, dass alle Juden streng orthodox sind:
Das religiöse Spektrum innerhalb des Judentums ist sehr gross. Orthodoxe Juden fallen in den Medien und auf der Strasse durch ihre Kleidung auf. Andere Juden sind kaum oder gar nicht als solche zu erkennen, obwohl sie sich als Juden bezeichnen. Das Liberale Judentum ist mit Kleider- und Essensregeln offener und individueller.

Islam


… einem Muslim Schweinefleisch zum Essen geben:
Das Schwein gilt als unrein.
… einem streng Gläubigen die Hand geben, als Person des anderen Geschlechts. 
Berührung mit Menschen des anderen Geschlechts wird gern vermieden.

… einen sterbenden Muslim alleine lassen:
Sterbende sollen nicht alleine gelassen werden.

… einen sterbenden Muslim nicht in Richtung Mekka blicken lassen:
Muslime möchten gerade im Moment des Sterbens Richtung Südosten schauen.

… den Leichnam eines verstorbenen Muslims kremieren:
Die Feuerbestattung ist gläubigen Muslims verboten.

Hinduismus


… einem Hindu Rindfleisch zum Essen geben:
Die Kuh ist im Hinduismus ein heiliges Tier und Symbol für die göttliche Schöpfung.

… einen Hindu fragen, wie er sich das „Nirvana“ vorstellt:
Hindus streben nach „Moksha“. „Nirvana“ ist das Reich der Ruhe, das die Buddhisten erreichen wollen.

… einen Hindu nach einem Priester oder Seelsorger fragen:
Die Familie ist für die spirituelle Begleitung zuständig. Tempelpriester sind weder Seelsorger noch Pfarrer.

… einem streng Gläubigen die Hand geben, als Person des anderen Geschlechts:
Berührung mit Menschen des anderen Geschlechts wird gern vermieden.

… einem Hindu die Asche auf der Stirn abwaschen oder die Schnur um das Handgelenk abnehmen:
Asche und Schnur gelten als heilige Zeichen, die nicht entfernt werden sollten.

… den Angehörigen eines verstorbenen Hindus eine Kondolenzkarte schreiben:
Das ist im Hinduismus nicht üblich.


Buddhismus


… einen Buddhisten dazu einladen, Buddha wie einen Gott anzubeten:
Buddha wird verehrt, ist aber keine Gottheit. Man versucht, sich nach Buddhas Vorbild selbst durch Meditation vom Leiden zu erlösen und zum Erwachen zu gelangen. Buddhisten beten keinen Gott oder Götter an.


… eine sterbende Buddhistin alleine lassen:
Sterbende sollen möglichst nicht alleine gelassen werden.

… den Leichnam eines Buddhisten gleich nach dem Tod zurecht machen bzw. berühren:
Damit der innere Sterbeprozess in Ruhe ablaufen kann, soll der Leichnam mind. eine halbe Stunde unberührt liegen.


… den Leichnam einer Buddhistin nach der Ruhephase zuerst irgendwo am Körper berühren:
Die erste Berührung des Leichnams soll an der Schädeldecke (ehemalige Fontanelle) erfolgen.

Atheisten, Freidenker, Agnostiker, Konfessionslose 

… einen Seelsorger vorbeischicken, ohne ausdrücklichen Wunsch des Patienten: Freidenker erwarten, mit ihrem Wunsch respektiert zu werden. 


… Freidenker und Konfessionslose grundsätzlich als Atheisten bezeichnen: Viele wollen nicht als Atheisten („Gott gibt es nicht“) bezeichnet werden, sondern vertreten eine Form, in der die Gottesfrage als unbeantwortbar offen gelassen wird (eine Spielart des Agnostizismus)


… das Anliegen der Selbstbestimmung auch in kleinen Dingen nicht beachten: Die Selbstbestimmung (Autonomie) gehört zu den höchsten Werten. Sie erwarten nicht, dass alle anderen so denken oder leben, aber setzen sich für die eigene Selbstbestimmung ein.

aus: Religionen und Pflege
HINWEISE UND HINTERGRÜNDE ZUM MITEINANDER DER RELIGIONEN
in Pflegealltag und Sterbebegleitung

von Veronika Jehle, katholische Spitalseelsorgerin, und Pfarrer Andreas Schaefer