Medizin & Seele

Spiritual Care Was ist spirituell am Sugokochen?

Ehemals Fachbeauftragte Palliative Care
Lisa Palm
Lisa Palm
Die spezialisierten ambulanten Palliative-Care-Teams des Kantons Zürich haben sich bei der Theologin und Spitalseelsorgerin Lisa Palm über Spiritual Care weitergebildet.
02. Juli 2021

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Im Zentrum stand das Problem der Einschätzung: Wie stellen Pflegende fest, dass Patient*innen spirituelle Bedürfnisse haben? Und was hat Spiritualität mit einer Tomatensauce zu tun?

60 Prozent der Schweizer Bevölkerung empfindet sich als der christlichen Religion zugehörend – 40 Prozent also nicht. Der kleinere Teil gehört also entweder einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder ist nicht religiös, was aber keinesfalls bedeutet, dass Spiritualität nicht wichtig ist für diese Menschen.

 

Religion und Spiritualität sind aber nicht dasselbe, wie Lisa Palm am Donnerstagmorgen, 3. Juni 2021, in der Paulus Akademie betonte. Die katholische Theologin gehört zum ambulanten Spiritual-Care-Team im Kanton Zürich. Sie ist ausserdem Palliative-Care-Beauftragte der katholischen Kirche im Kanton Zürich. Die Pflegefachpersonen, die ihr zuhörten und fleissig mitdiskutierten, arbeiten für eines der sechs spezialisierten ambulanten Palliative-Care-Teams (SPaC) im Kanton Zürich.

 

«Nicht jeder Mensch ist religiös, aber kein Mensch ist unspirituell», zitierte Lisa Palm Eckhard Frick, ehemaliger Spiritual-Care-Professor. Diese Aussage scheine einigen aber zu übergriffig. Denn es könne ja Menschen geben, die von sich behaupten, auch nicht spirituell zu sein. Deshalb passt Palm der Spruch von Pastoralpsychologe Traugott Roser besser: «Spiritualität ist, was immer der Patient dafür hält».

 

«Spiritualität kann man jedenfalls nicht wie ein Medikament verordnen», sagte Palm, «sondern sie entspricht einer Haltung, die sich anzueignen lohnt». Die Zahlen der pflegewissenschaftlichen oder medizinischen Forschungsprojekte über Spiritual Care stiegen Mitte der 90er-Jahre sprunghaft an. Ihre Resultate zeigen, dass eine gelebte Spiritualität beim kranken Menschen unter anderem folgende wichtigen Grundlagen stärkt:

  • seine Lebensqualität
  • seine Bewältigungsmöglichkeiten (Coping)
  • seine seelische Widerstandskraft (Resilienz)

 

In der Spiritualität spielen Sinnfragen, Fragen der Transzendenz (das Menschliche übersteigend), der Identität und der Werte eine Rolle.

 

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Spiritual Care wird von der europäischen Palliative-Care-Vereinigung EAPC wie folgt definiert: «Spiritualität ist die dynamische Dimension menschlichen Lebens, die sich darauf bezieht, wie Menschen individuell und in Gemeinschaft, Sinn, Bedeutung und Transzendenz erfahren, ausdrücken und/oder suchen und wie sie in Verbindung stehen mit dem gegenwärtigen Moment, dem eigenen Selbst, mit anderen, mit der Natur und dem für sie Bedeutsamen und/oder «Heiligen».»

 

Die Seelsorgenden sind nicht die einzige Berufsgruppe, die Spiritual Care anbieten kann, machte Seelsorgerin Palm klar. Gerade die Pflege sei schon immer von einem ganzheitlichen Menschenbild ausgegangen. Schon früh habe man in der Pflege-Ausbildung vermittelt, dass Menschen neben körperlichen, psychischen und sozialen eben auch spirituelle Bedürfnisse hätten. «Bis zirka 1960 war der Pfarrer oder die Spitalseelsorge fürs Spirituelle zuständig», so Palm. Heute verstehe man unter Spiritual Care hingegen die gemeinsame Sorge aller Gesundheitsberufe für die spirituellen Bedürfnisse und Wünsche kranker Menschen.

 

Doch wie erfassen Pflegende, was fachsprachlich «spiritual distress» genannt wird und so viel meint wie seelische Not? Lisa Palm stellte verschiedene spirituelle Assessment-Instrumente vor, zum Beispiel das STIW-Modell, ein Indikationen-Set für Spiritual Care und Seelsorge oder ein von Palm für das Universitätsspital Zürich selbst verfasstes Wahrnehmungsraster zur Erfassung von Spiritual Distress. Auch wenn Palliativpflegende ein offenes Ohr haben: Ist eine solche spirituelle Not vorhanden, kann einem schwerkranken Menschen oder auch seinen Angehörigen bisweilen auch das Gespräch mit einer Person der Seelsorge helfen.

 

«Wenn ich einem Patienten rate, Lisa Palm hinzuzuholen, betone ich häufig, dass sie sich als Seelsorgerin auch wirklich um die Seele kümmere, und nur wenn gewünscht um den Glauben», sagte eine Pflegende des Fachdienstes für Palliative Care der Spitex Zürich-Sihl. Lisa Palm tauscht sich mit diesem Team monatlich im interprofessionellen Rapport aus. Eine andere Pflegende sagte, sie preise den Patientinnen und Patienten ein Gespräch mit dem Seelsorger meist so an, dass dieser «sich ausschliesslich für sie als Mensch interessiert, Symptome und Krankheit keine Rollen spielen».

 

Anwesende Palliativpflegende berichteten, dass Patientinnen und Patienten bereits abwinken würden, wenn man sie frage, ob sie gläubig seien. «Mit der Kirche haben viele nichts mehr am Hut.» Es sei zielführender folgende Fragen zu stellen wie:

  • Was stärkt Sie?
  • Woraus schöpfen Sie Kraft?
  • Was hat ihnen in einer anderen schwierigen Situation geholfen?
  • Gibt es Tätigkeiten, bei denen Sie sich ganz eins mit sich selbst fühlen?
  • Gibt es Momente, in denen Sie sich selbst und die Welt um sich herum auf wohltuende Weise vergessen können?
  • Gibt es Beschäftigungen, die Sie innerlich stärken?

 

«Ist alles Spiritualität, das einem gut tut?», wollte eine andere Teilnehmerin wissen. Bei Yoga leuchte es ihr noch ein, aber sie werde manchmal auch innerlich gestärkt, wenn sie eine gute Spaghetti-Sauce koche. Es gehe eben um die Haltung, sagte Lisa Palm. «Kochen stärkt dich nur, wenn du es gern machst, dir Zeit dafür nehmen kannst, und innerlich bei dieser Handlung abschalten kannst.» Das Gleiche erlebten viele Menschen in der Natur, beim Zusammensein mit geliebten Menschen, beim Meditieren oder Beten.